Bericht über die 1.Arbeitstagung des Forschungsprojekts
„Chronisch kranke Kinder und Jugendliche in den allgemeinen“ Schulen
(Interklinikschule)
12./13.November 2004 in Reutlingen und Tübingen
Diese 1.Arbeitstagung war ein Versuch herauszufinden, ob sich zwischen den erratischen Blöcken des bestehenden Schulsystems mit seinen weithin voneinander getrennten Schularten und Schulformen Gedanken leitende, einer Klammer gleich, Unterschiedliches zusammenhaltend, Elemente von Übereinstimmung entdecken lassen. Unsere Überlegung war es zunächst gewesen, auf Schüler aufmerksam zu machen, die zu einer Schülerschaft gehören, die ausnahmslos in allen Schulen sitzen, wirklich in allen, ohne nach Leistung bzw. Versagen sortiert oder gar aussortiert zu werden.
Bekanntlich hatte im Jahr 1994, zu Beginn des Vorgängerprojekts, die kleinste Integrierte Gesamtschule (ohne dass sie je offiziell so genannt worden wäre) im Mittelpunkt gestanden, als die sich die Schule für Kranke inzwischen erwiesen hat. Sie vereint Schülerinnen und Schüler nicht nach Interessen, nicht nach Neigungen, nicht nach besonderer Begabung oder auffälligem Versagen, sondern nach dem Zustand ihrer Gesundheit, bzw. nach dem Ausmaß und der Behandlungsbedürftigkeit von Erkrankung. Dieser ganz andere Blickwinkel musste zunächst erst einmal erfasst und auf ein schulisches Konzept übertragen werden. Die Jahre 1994 – 2000 waren diesem Projekt gewidmet. Eine kurze Zeitspanne erlaubte durchzuatmen und danach zu fragen, wie denn das Schicksal von Kindern beschaffen sein mag, die aus klinischer Behandlung entlassen, gleichwohl als chronisch krank anzusehen sind und dennoch unter normalen Bedingungen der Schule ausgeliefert sind.
Nunmehr also, im neuen Projekt mit seinem Beginn im Herbst 2003, ging der Blick von der Schule für Kranke nach draußen, dorthin, wo kranke Schülerinnen und Schüler wie in einer Diaspora leben. Die allgemeinen Schulen zählen diese zu ihren Schülern, oft ohne davon auch nur zu ahnen, unter welchen Bedingungen, besser gesagt Beeinträchtigungen sie leben und auch noch lernen müssen. Dies auch noch mit teilweise unsicheren Aussichten auf Lebensperspektiven.
Die Tagung spiegelte zunächst in der unerwartet großen Zahl der ca. 170 Teilnehmer zugleich die übergreifende Bedeutung der Schularten wieder, die repräsentiert waren – selbst ein Vertreter der Berufsschulen war - außerplanmäßig – anwesend und konnte sich besonderen Respekts sicher sein. Die Einzelbeiträge und die Fülle an Voten in den Diskussionen machten auf allgemeiner Ebene erkennbar, dass ein erstes Aufmerksamwerden auf chronisch kranke Kinder und Jugendliche allmählich in alle Schulen einzusickern beginnt. In manchen Köpfen müssen geradezu Revolutionen stattfinden, wenn solche Kinder ins Schullandheim mitkommen dürfen, obwohl sie krank sind, wenn solche Schüler das Pensum eines Schuljahres auf zwei Schuljahre verteilen dürfen oder andere Erleichterungen erhalten, die im Sinne von Nachteilsausgleich zu werten sind. Von einem Durchbruch kann noch nicht die Rede sein, doch ein Anfang im Umdenken ist gemacht.
Im Mittelpunkt der Tagung standen Berichte aus den mitarbeitenden 7 Schulen (Vgl. den entsprechenden Link in der Homepage), die zunächst die Absicht hatten, allgemein über die recht unterschiedlichen Ansätze zu informieren. Die Schulen für Kranke tragen mit den dort tätigen und im Projekt mitarbeitenden Kolleginnen und einigen Kollegen die Hauptlast der Information und Anleitung, die zu Veränderungen in den Kollegien der allgemeinen Schulen führen sollen – alle 7 Schulen haben jeweils eigene Zugänge ersonnen, praktizieren auf jeweils eigenen Wegen ihre Vorstellungen über mögliche Veränderungen, die sie in die Schulen draußen zu tragen.
Während die 3 sächsischen Schulen in Dresden, Freital und Leipzig exquisite Zugänge zu den meisten chronischen Krankheiten suchen und dabei neben den Kolleginnen und Kolleginnen in den Schulen auch Elternarbeit, Informationen bis in den Vorschulbereich hinein betreiben und sich dabei von großer Flexibilität in den Methoden leiten lassen, suchen die Kolleginnen in Gelsenkirchen das Modell kollegialer Beratung für Lehrerinnen und Lehrer allgemeiner Schulen in ihrer Schule anzubieten – ein Moment sozialer Intimität hat sich hier besonders bewährt. Eine ausgesprochen feste Struktur im Ablauf hat sich dabei vor allem deshalb bewährt, weil die freien Formen, die nahe an der freien Assoziation angesiedelt sind und den Charakter von Balint - Gruppen tragen, in der Regel von hoher Frequenz getragen sind und mehr Zeitinvestition erfordern als hier möglich sind. In Herdecke liegt das Schwergewicht auf der Klinikschule selbst als einer Art von „Schleuse“, die vermittelt, wenn die Rückkehr nicht so recht gelingen will und die Klinikschule dann zu neuem Selbstbewußtsein beitragen soll. Schule vermittelt für einen überschaubaren Zeitraum eine bisher unbekannte Beweglichkeit, indem sie Kindern den Weg hinaus in die allgemeine Schule erleichtert und dies schafft, weil sie Kindern das Verbleiben auf Zeit in der Klinikschule nicht zur persönlichen Niederlage werden lässt. Zugleich konnte ein ortsansässiges Gymnasium seinerseits sich als pädagogische Provinz profilieren, die zu erstaunlich veränderter Schulmotivation führt. Während Freiburg als erste Schule inzwischen systematisch in die Lehrerbildung der kommenden GHS – Lehrer eingebunden ist und damit einen großen Schritt im Sinne der Projektaufgaben bereits jetzt macht, ergänzend dazu das schwierige Feld der Schulverwaltung und ihrer Wachheit für Querverbindungen erfolgreich und beharrlich auf die vergessenen Kinder der 10 – 15 % chronisch Kranker, die oft so gesund aussehen, aufmerksam gemacht werden, konnte die Tübinger Schulstelle an der Klinik für Kinderheilkunde und Jugendmedizin mit einem bereits fertig gestellten Videoband an die Tradition dieser Schule anknüpfen, der Rückschulung und der Vorbereitung von Rückschulung besonderes Augenmerk schenken. Dies sind nur wenige Akzente – eine Anzahl weiterer Themen sind in Arbeit.
Zwar hatten die Veranstalter in der Einladung als Ziel der 1.Arbeitstagung – sie ist auch in die Homepage des Projekts gestellt – ausdrücklich von „ersten Ergebnissen“ gesprochen, doch ließen Voten aus den Diskussionen den immensen psychischen Druck erkennen, unter dem machen Lehrerinnen und Lehrer stehen – offenbar bescheren chronisch kranke Kinder vor allem Ratlosigkeit und bringen Lehrer in Konfliktsituationen, zumal dann, wenn es um die Bewertung von Leistung geht. Hier sahen sich die Veranstalter, die zugleich verantwortlich für das Projekt zeichnen, mitunter einem ziemlichen Gezerre ausgesetzt. Dies konnte den Charakter eigentümlicher und fast schreiender Hilflosigkeit annehmen, so, als ob persönlich geprägte Handlungsfähigkeit preisgegeben sei, zu leben aufgehört habe. Dabei konnte der affektive Spielraum und der Spielraum für konkrete Vorstellungen dann recht schmal werden und die Luft zum Atmen einengen. Es wird darüber nachzudenken sein, wie hier Angebote zu machen sind. Recht rasch drängte man auf Konkretionen und förmliche Vorgaben, die es durchaus gibt und die auch künftig zu entwickeln sein werden. Doch erscheint es unerlässlich auch dort anzuknüpfen, wo Vorstellungen über menschliches Erleben von Schmerz, von Trennung von Eltern, Geschwistern und Mitschülern, wie mögliche Perspektiven von lebenslanger Beeinträchtigung, wie die Abhängigkeit von Medikamenten und Apparaten im Vordergrund stehen. Es wird deshalb vor allem das Augenmerk auf die Entwicklung von Vorstellungen bei Lehrpersonen oder auch das Wiederentdecken von verlorenen Vorstellungen gehen, über deren Verfahren sich die Pädagogik Gedanken zu machen hat. An dieser Stelle erscheint die ergänzende Funktion der Medizin besonders markant und unerlässlich. Die Medizin vermag mit den naturwissenschaftlich erforschten Gründen für körperliche Zustände der Pädagogik Bodenhaftung zu geben und die Pädagogik vermag Wege und Inhalte zu ersinnen, die es erlauben die ärztlichen Befunde und Prognosen auf mögliche Entwicklungen hin zu erproben.
Die größte Schwierigkeit zeichnete sich ab, als es darum ging, die schon jetzt vorliegende Fülle an Einzelergebnissen zwar in ihren je individuellen Bezügen zu belassen und von dort her zu verstehen, doch zugleich auch nach systematischen Elementen zu suchen. Denn nur in einer jeweils aufeinander bezogenen Ergänzungsreihe ist es vorstellbar, Wissen und handlungsbezogene Erkenntnis in die Lehrerbildung und Lehrerfortbildung zu transportieren. Auf dieses Geschäft des Herauslösens und neu zu Integrieren wird sich ein wesentlicher Anteil der systematischen Arbeit zu konzentrieren haben. Die 1. Arbeitstagung mag dazu erste Schritte aufgezeigt haben.
Christoph Ertle
